Mittlerweile sind wir es schon gewohnt. Spätestens seit dem der IS im Juni 2014 Mossul erobert hat, beherrschen die Kurden die Schlagzeilen. Sie werden in der internationalen Presse als Helden gefeiert und für ihren Mut gelobt. Sowohl in Irak als auch Syrien sind sie im Kampf gegen den IS unabdingbar geworden. Bei der Offensive zur Rückeroberung von Mossul kämpfen sie an vorderster Front. Auch für die Offensive in Raqqa in Syrien verlassen sich die Großmächte auf die Kurden. Vor allem die USA vertrauen auf die Effizienz der kurdischen Kämpfer.

Diese neue kurdische Stärke macht vor allem die Türkei sehr nervös. Anfangs hielt sie sich aus Syrien und Irak heraus. Zumindest griff sie nicht direkt ein. Je mehr Geländegewinne die Kurden vor allem im Norden Syriens machten, desto stärker wurde der Wunsch der Türkei aktiv einzuschreiten. Erst erfolgte die Intervention in Syrien und dann auch das offensive Werben um eine Beteiligung an der Mossul-Offensive, an der sie laut eigenen Angaben beteiligt sein soll. Staatspräsident Erdogan scheint es dabei nicht nur um die Kurden zu gehen, sondern auch um die Erweiterung seines Macht-und Einflussbereiches. In türkischen Medien werden wiederholt Landkarten aus osmanischer Zeit gezeigt, die die nordsyrische Stadt als Aleppo sowie die kurdischen Städte Mossul, Erbil und Kirkuk in Irakisch-Kurdistan als türkisch ausweisen. In der jüngeren Vergangenheit gab es immer wieder solche Forderungen aus der türkischen Richtung. Nun werden die Gebietsansprüche aber an höchster politischer Stelle von Präsident Erdogan formuliert.

Man muss sich vor diesem Hintergrund tatsächlich die Fragen stellen, wie ernsthaft diese Aussagen gemeint sind, wenn man bedenkt, dass die Forderungen aus Ankara immer skuriller werden. Laut Erdogan sollte beispielsweise der UN-Sitz in Istanbul angesiedelt werden, da sein Land eine Wiege der Zivilisation sei. Bei solchen Aussagen kann sich der eine oder andere Leser ein Schmunzeln nicht verkneifen. Allerdings muss man angesichts der aktuell stattfindenden „Säuberungsaktion“ in der Türkei, bei der zuletzt die beiden Oberbürgermeister der Kurdenmetropole Diyarbakir festgenommen wurden, vom Schlimmsten ausgehen.

Bisher haben sich Russland und die USA noch nicht eindeutig zu der neuen aggressiven Außenpolitik geäußert, zumindest nicht öffentlich. Aber der Iran und Irak haben schon deutlich gemacht, dass die Türkei weder in Syrien noch in Irak erwünscht sei. Es ist also zu erwarten, dass die Lage weiter eskalieren wird.

Aus kurdischer Sicht ist es vor allem in dieser unübersichtlichen Situation wichtig, die türkische Position gut zu analysieren und nicht zuzulassen, dass kurdische Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Selbst wenn man nicht genau weiß, welche Strategien die Türkei konkret verfolgt, kann von zwei Prinzipien der türkischen Außenpolitik ausgegangen werden: Kurden klein halten und den eigenen Machtbereich ausbauen. In der Regel decken sich diese beiden Maximen.

Sicherlich gibt es viele interne Schwierigkeiten innerhalb der kurdischen Fraktionen. Diese werden auch nicht über Nacht verschwinden. Wichtig ist aber, dass in dieser Stunde die Gemeinsamkeiten unterstrichen und die nationalen Interessen den Parteiinteressen übergeordnet werden. Für die Kurden hat sich ein historisches Zeitfenster geöffnet. Immer wieder wurden solche Chancen wegen teilweise innerkurdischer Streitigkeiten vertan. Diesmal soll das anders sein. Gemeinsam sollte der Kampf gegen den IS erfolgen, das türkische Vorpreschen unterbunden und mit den Allierten über den Zeitpunkt nach dem IS verhandelt werden. Wenn die Kurden dann genauso gut verhandeln wie sie gegen den IS kämpfen, können die Kurden in Südkurdistan (Nordirak) die langersehnte Unabhängigkeit bekommen und die Kurden in Westkurdistan (Nordsyrien) ihre Föderation in Nordsyrien feiern.  Zum ersten Mal wahrscheinlich in der Geschichte haben sie ihr Schicksal ein Stück weit selbst in der Hand. Vorausgesetzt sie halten zusammen.

Kahraman Evsen, Präsident der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft