Seit der Auseinandersetzung vom 2. auf den 3. März 2017 in der Region Shingal und der Stadt Khanasor im Norden des Iraks (Südkurdistan) zwischen den militärischen Einheiten der YBŞ (Widerstandseinheiten Sindschars) und den Rojava-Peschmerga (Peshmerga-Einheiten aus Westkurdistan) ist die Lage zwischen den grossen politischen Lagern, der PDK (Demokratische Partei Kurdistans) und der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans), angespannt. Die kurzen aber heftigen Gefechte zwischen den zwei kurdischen Lagern haben Opfer gefordert und damit die Gemüter auf beiden Seiten erhitzt.

Belastet werden die Ereignisse auf beiden Seiten jeweils durch die Parteimedien, die das gegnerische Lager nicht nur mit widersprüchlicher Berichterstattung zu übertrumpfen versuchen, sondern sich zusätzlich gegenseitig auf provokante Art und Weise des Verrats beschuldigen. Statt sich ihrer Verantwortung in dieser gefährlichen Situation bewusst zu werden und zur Deeskalation beizutragen, ziehen es die Medien der beiden Seiten vor, weiter Öl ins Feuer zu gießen: Als Folge haben die Diskussionen in den sozialen Medien gefährliche Ausmaße angenommen und in der Schärfe und Emotionalität der Debatte scheint der gemeinsame Feind, die Terrormiliz IS, beinahe vergessen zu sein.

Gewiss brodelt es schon länger zwischen den beiden konkurrierenden Lagern, aber der kürzlich entflammte Konflikt scheint nun das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben. Vorwürfe und Beschuldigungen in die Richtung des jeweils anderen politischen Lagers werden nun zum Zweck der eigenen Propaganda wiederholt und schonungslos vorgetragen.

Wir als KES sehen die Kurden in der Diaspora mit einer bedeutenden Verantwortung konfrontiert, denn uns ist bewusst, dass viele Kurden in Europa die politischen Entwicklungen in Kurdistan aktiv mitverfolgen und starke Emotionen damit verbinden. Wir möchten daher die Kurden in Europa dazu aufrufen, schlichtend und als „Dritte Partei“ zu handeln, die Seite der Vernunft zu wählen und nicht zuzulassen, dass dieser traurige Vorfall für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Es ist unsere Aufgabe beide Seiten sofort an den Verhandlungstisch zu rufen und alles in unserer Macht liegende zu tun, um weitere Kämpfe zu verhindern.

Seit Jahren bekämpfen die Kurden sehr erfolgreich den islamistischen Terror und haben dafür in der Weltöffentlichkeit sehr viel Zustimmung und Solidarität bekommen. Die internationale Gemeinschaft hatte bereits begonnen, die Probleme und Ungerechtigkeiten gegenüber dem kurdischen Volk und vor allem gegenüber den Eziden wahrzunehmen und die Kurden finanziell, logistisch und militärisch zu unterstützen. Die Kurden müssen sich dieser historischen Chance bewusst sein und ihre internen Streitigkeiten nicht mit Waffengewalt, sondern friedlich am Verhandlungstisch lösen.

Wir sind keine Feinde, sondern ein Volk und Leidtragende eines gemeinsamen Schicksals. Leidenschaft mag zwar die Bande unserer Zuneigung anspannen, aber zerreißen darf sie sie nicht. Für unsere Lage sind wir schlussendlich selbst verantwortlich und auch für unsere Zukunft. Daher muss sich jeder Einzelne seiner Verantwortung bewusst werden und nicht Teil des Problems, sondern der Lösung werden.

Aus diesem Grund schließen wir unseren Aufruf mit den weisen Worten des kurdischen Intellektuellen und Dichters Cigerxwin, der bereits früh folgenden Umstand erkannte und beanstandete:

„Wir Kurden kämpften gegen einander

Wir waren in Tausend geteilt, wurden nicht zu einer Gruppe

Wir töteten einer den andern und schwächten einander

Der Wolf in Gestalt unserer Feinde machte uns zu seinem Futter.“