KES-Seminar in Bayern über Kurdistan ein voller Erfolg

Vom 17. bis 19. Februar 2017 stand für die KES-Familie eine spannende Premiere an: In Kooperation mit der Georg-von-Vollmar-Akademie e. V. haben unsere Vereine KES, KELS, KEF und EES erstmalig ein Wochenend-Seminar mit dem Titel „Demokratieentwicklung und Staatsaufbau in der Autonomen Region Kurdistan als „Modell“ für den Nahen Osten“ durchgeführt. Im wunderschönen Alpenvorland und direkt am Kochelsee gelegen residiert die Georg-von-Vollmar-Akademie in Schloss Aspenstein, welches zwischen 1675 und 1694 für das Kloster Benediktbeuern erbaut wurde. 1948 wurde das Schlösschen von der bayerischen SPD erworben und als fester Lernort etabliert. Heute betreibt die Akademie hier ihre Bildungsstätte und ein Tagungshaus mit Seminaren zur politischen Bildung. Allerbeste Rahmenbedingungen also für unser Seminar, auf das sich insgesamt sieben hochmotivierte Referentinnen und Referenten intensiv vorbereitet hatten.

Der Freitagabend begann zunächst mit einer Vorstellung der Akademie durch Anna Lehrer als Vertreterin der Abteilung Bildungsmanagement. Direkt im Anschluss folgte eine Vorstellungsrunde aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Danach erläuterte unser Seminarleiter Kahraman Evsen Struktur, Aufbau und Ziele des Seminars. Zum Ausklang traf sich dann die ganze Runde in der gemütlichen Wirtsstube, um bei einem Glas Wein oder einem zünftigen Weißbier die ersten Erkenntnisse zu reflektieren und um sich besser kennenzulernen.

Der Einführungsvortrag am Samstag, mit dem identischen Titel wie das Gesamtseminar, wurde von der NRW-Landesbeamtin und zurzeit in Brüssel tätigen Juristin Daniela Giannone gehalten. Sie referierte schwerpunktmäßig zum aktuellen politischen System der Autonomen Region Kurdistan, wobei sie zunächst einen Überblick zur historischen Entwicklung und geopolitischen Lage des Nord-Iraks sowie zu den ethnischen und linguistischen Besonderheiten der Region gab. So wurde erläutert, welche religiösen Minderheiten dort zu finden und wie die verschiedenen kurdischen Dialekte über das gesamte kurdische Siedlungsgebiet verteilt sind. Danach spann sie einen Bogen, beginnend mit der Teilautonomie in den 70er und 80er Jahren, bis hin zur Verfestigung der Autonomierechte in den Jahren 1992 bis 2005. Ausführlich wurde auf die aktuellen politischen Verhältnisse eingegangen, welche Parteien mit welchen Zielen im irakisch-kurdischen Parlament in Erbil vertreten sind, und warum sich die Region zurzeit in einer politischen und wirtschaftlichen Krise befindet.

Im Anschluss daran hielt Kahraman Evsen seinen Vortrag über „Die Kurdische Frage in der Türkei seit Gründung der türkischen Republik 1923“. Kahraman Evsen ist ebenfalls Jurist. Sein Vortrag beschäftigte sich mit der Geschichte der kurdischen Minderheit in der Türkei, wobei er ebenfalls zunächst eine historische Einführung wählte und die Situation der kurdischen Minderheit im Osmanischen Reich und seit Ende des Zweiten Weltkriegs erläuterte. Aus seiner Sicht ist die wichtigste Ursache für die Verschärfung der aktuellen Kurdenfrage der durch Mustafa Kemal Atatürk begründete sogenannte „Kemalismus“. Dieser beruht auf einem rigiden Nationalismus, der die Überlegenheit der „türkischen Rasse“ propagiert und andere Gruppen wie beispielsweise die Kurden oder auch Nichtmuslime weitgehend ausschließt.

Der dritte Vortrag des ersten Tages mit dem Titel „Die Kurden im Iran – Ein vergessenes Volk“ wurde von Narin Efe (Studentin der Architektur) und Muhammed Akyüz (Lehramtsstudent) gehalten. Die Islamische Republik Iran und ihr Regierungssystem wurden vorgestellt, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Verteilung der Ethnien und religiösen Gruppierungen. Mit einem Anteil von 7 bis 10% sind die Kurden im Iran eine signifikante Bevölkerungsgruppe, die zumeist in „Ostkurdistan“ lebt, dem westlichen Teil des Irans. Die dort gesprochenen Dialekte und Siedlungsgebiete wurden besprochen, bevor dann bedeutende historische Persönlichkeiten der iranischen Kurden vorgestellt wurden, die die Geschichte dieser Region besonders geprägt haben: Allen voran Peshewa Qazi Mohammed, der in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts Präsident der Republik Kurdistan war und nach der Zerschlagung derselben hingerichtet wurde. Leider ist die gesamte Geschichte der iranischen Kurden durch brutales Niederschlagen jeglicher Selbstbestimmung sowie von Attentaten und Diskriminierung von iranisch-kurdischen Politikern und der gesamten kurdischen Bevölkerung gekennzeichnet.

Der vierte und letzte Vortrag des zweiten Tages wurde von dem Essener Informatiker Devran Ölcer gehalten, der zu „Newroz – Geschichte und Bedeutung des wichtigsten kurdischen Festes“ referierte. Newroz ist ein Neujahrs- oder auch Frühlingsfest und wird von allen Kurden und vielen anderen Völkern vom Balkan über den Kaukasus bis nach Zentralasien und im Nahen Osten am 21. März gefeiert. Am 30. September 2009 hatte die UNESCO den Newroz-Tag in die Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen und damit eine 3.000 Jahre alte Tradition gewürdigt, die die Werte des Friedens und der Solidarität sowie der Versöhnung versinnbildlicht und somit zur kulturellen Vielfalt und Freundschaft zwischen Völkern beiträgt. Für die Kurden bedeutet das Fest auch das Feiern des Widerstands gegen Unterdrückung und den Kampf für die Freiheit. Devran Ölcer erklärte in seinem Vortrag sehr anschaulich die verschiedenen Mythen und Legenden zur Entstehung des Festes.

Am Sonntag begann Michael Gehlert, Jurist bei der EWG-Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft, den dritten und letzten Seminartag mit seinem Vortrag zu der Kudistanreise, die einige Referentinnen und Referenten im März/April 2016 gemeinsam unternommen hatten. Er schilderte zunächst die Vorbereitungen und dann die verschiedenen Stationen der Reise, so die Besuche bei der Kurdistan Parlamentarian Union, dem Board for Self-Determination, dem Parlament samt seiner drei größten Fraktionen sowie dem Justiz- und Bildungsminister. Besonders hervorgehoben hat er die Gespräche im christlichen Viertel von Erbil, Ainkawa und im dortigen Flüchtlingslager „Mar Elia“, das von der katholischen Kirche unterstützt wird. Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Gruppe bei dem berühmten ezidischen Heiligtum in Lalish.

Last but not least hat die Koblenzer Rechtsanwältin Zemfira Dlovani zum Abschluss des Seminars einen Vortrag über die Eziden allgemein und über ihre Siedlungen in Armenien, Georgien und Russland gehalten. Zunächst hat sie die Zahl der Eziden weltweit und ihre Glaubensvorstellungen dargestellt. Sie erläuterte weiter die Geschichte der Eziden und hat dabei besonders betont, dass die Eziden als „doppelte Minderheit“ (Kurden und Angehörige einer nicht-islamischen Religionsgruppe) mehrfach im Laufe der letzten Jahrhunderte politischer und religiöser Verfolgung ausgesetzt waren. So ist die Geschichte der Eziden von zahlreichen Genoziden geprägt, die ihren furchtbaren Höhepunkt im Jahr 2014 fand, als die Eziden im Sinjar-Gebirge im Nord-Irak von dem sog. IS überrannt wurden und ca. 5.000 Menschen getötet wurden, tausende Mädchen und Frauen wurden verschleppt. Von radikalen Islamisten und Terroristen als „Apostaten“ verachtet, gelten die Eziden für den IS als rechtlos. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass die Wurzeln des Ezidentums in einer alt-iranischen Ur-Religion (ca. 2.000 Jahr v. Chr.) liegen, wofür unter anderem die überlieferten Schöpfungsmythen, die Engellehre und die Verehrung der Sonne sprechen.

Für unsere Vereine war das Wochenendseminar ein voller Erfolg. Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch wir Referenten haben sehr viel Neues gelernt und unseren Horizont erweitert. KES, KEF, KELS und EES freuen sich auf weitere Kooperationen mit der Georg-von-Vollmar-Akademie.