Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Seit über fünf Jahren tobt ein Krieg in Syrien infolgedessen Hunderttausende ihr Leben lassen mussten. Ein Ende des blutigen Konflikts ist bisher nicht absehbar. Im Jemen entlädt sich ähnlich wie im Irak ein Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, der im Grunde ein Stellvertreterkrieg zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitisch-wahhabitischen Saudi-Arabien ist. Nach dem Putsch in Ägypten hat sich das Land unter General as-Sisi in eine Militärdiktatur verwandelt. Unter Erdogan ist die Türkei auf dem Weg in eine zivile Diktatur, die jedwede Form der Opposition im Keim erstickt. Auch im ewig anhaltenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gibt es keine Bewegung.

Bei all diesen Konflikten hat der Westen interveniert, mal militärisch, wie im Falle des Irak, Syriens oder des Jemen, mal als Vermittler, wie im Israeli-Palästinenserkonflikt. Stets ohne wirklich greifbaren Erfolg. Sicherlich gibt es für die vielschichtig-komplexen Konfliktherde des Nahen Ostens keine Patentlösung. Aber richtig ist auch, dass bisher erfolglose Strategien zur Befriedung der Region einer kritischen Überprüfung unterzogen werden und neue Partner gewonnen werden müssen. Zweifellos haben sich die Kurden in jüngster Zeit als zuverlässigen Partner des Westens herausgestellt.

Die irakischen Kurden haben schon beim Sturz des Diktators Hussein 2003 Seite an Seite mit den Amerikanern gekämpft. Als die Milizen des sogenannten Islamischen Staates (IS) weite Teile des Iraks unter ihre Kontrolle brachten, 2014 die zweitgrößte irakische Stadt Mossul besetzten und die Region mit einem beispiellosen Terror überzogen, waren es die Kurden, die den IS an vorderster Front mutig, entschlossen und erfolgreich bekämpften. Trotz der wirtschaftlichen Notlage boten sie knapp zwei Millionen Flüchtlingen sichere Zuflucht ohne einen Unterschied zwischen Arabern, Turkmenen, Kurden, Sunniten, Schiiten, Eziden oder Christen zu machen.
Ohne die syrischen Kurden wäre der gesamte Norden Syriens unter Kontrolle des IS. Auch dort haben die Kurden mit bescheidener Ausrüstung tapfer die bis zu den Zähnen bewaffnete IS-Terrormiliz zurückgedrängt und verhindert, dass ein noch größeres Massaker an der ezidischen Religionsgruppe verübt wird.

Jetzt, nachdem der IS vor allem auch dank der Kurden geschwächt wurde, wäre es fatal, wenn der Westen die Kurden fallen lassen und sich wieder in die Abhängigkeit von Despoten begeben würde. Wenn der Westen sich tatsächlich als Wertegemeinschaft versteht, die sich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf die Fahne geschrieben hat, wäre es moralisch nicht haltbar, eben jene Kräfte vor Ort im Stich zu lassen, die diese westlichen Ideale in den Wirren eines Krieges mit Leben füllen.

Es wäre auch machtpolitisch nicht im Interesse des Westens, die säkularen und prowestlichen Kurden in einer von Kriegen und Konflikten gebeutelten Region alleine ihrem Schicksal zu überlassen. Mit einem möglichen Sieg über den IS werden die Probleme nicht einfach verschwinden. Es gibt alleine in den Flüchtlingslagern in der Region Millionen Menschen, die sich bei einer weiteren Destabilisierung auf den Weg nach Europa begeben und europäische Entscheidungsträger damit wieder vor eine unlösbare Aufgabe stellen würden. Heutzutage kann man die Innenpolitik von der Außenpolitik nicht mehr trennen und kommt nicht darum herum, die Fluchtursachen direkt vor Ort zu bekämpfen.

Der Westen sollte den langersehnten Wunsch der Kurden nach Selbstbestimmung unterstützen und sie für ihren Kampf im Namen der Menschlichkeit gegen den IS belohnen. Ein säkularer prowestlicher kurdischer Staat im Nahen Osten, der pluralistisch ist und seine religiösen und ethnischen Minderheiten schützt, könnte zu einem Modell für die gesamte Region werden und einen Beitrag zur Stabilisierung leisten.

Kahraman Evsen, Kurdisch-Europäische Gesellschaft