Kurdisch-Europäische Gesellschaft

Rede von Kahraman Evsen, anlässlich der Gründungsfeier der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft am 29.10.2016 in Koblenz, Deutschland.

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

Liebe Gäste,

im Namen der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft begrüße ich euch ganz herzlich.

Ich freue mich sehr, dass ihr heute so zahlreich erschienen seid. Ihr seid von sehr weit angereist, teilweise aus dem Ausland. Für eure Mühen danke ich von Herzen. Ich versichere euch, dass eure Mühen nicht umsonst sein werden. Am heutigen Tag passiert etwas Besonderes. Heute feiern wir gemeinsam die Gründung unseres kurdisch-europäischen Verbands. Innerhalb kürzester Zeit waren wir in der Lage, vier Vereine gleichzeitig aus dem Boden zu stampfen:

  • Die Kurdisch-Europäische Gesellschaft
  • Die Kurdisch-Europäische Juristengesellschaft
  • Das Kurdisch-Europäische Forum
  • Die Ezidisch-Europäische Gesellschaft

Auf unsere Vereine können wir zu Recht stolz sein. Auch wenn die einzelnen Vereine unterschiedliche Schwerpunkte haben, verfolgen wir als kurdisch-europäischer Verband drei Hauptziele:

  1. Integration der kurdischen Gemeinde in Europa
  2. Selbstbestimmungsrecht der Kurden
  3. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Kurdistan

 

1. Integration der kurdischen Gemeinde in Europa

Das Thema Integration ist sehr wichtig und hat eine dreifache Bedeutung für uns. Einerseits verstehen wir darunter die Integration innerhalb der bunten und heterogenen kurdischen Diaspora in Europa mit knapp zwei Millionen Menschen. Die Kurden kommen aus allen Teilen Kurdistans. Es gibt u.a. sunnitische, schiitische, alevitische, ezidische und christliche Kurden, die unterschiedliche Dialekte sprechen und sich auch politisch unterschiedlich entwickelt haben. Die Aufteilung Kurdistans nach dem Ersten Weltkrieg hat also das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht unbedingt gestärkt. Gerade in der Diaspora gilt es nun Lehren aus der teilweise schmerzhaften Geschichte zu ziehen, die Gemeinsamkeiten zu unterstreichen und die Menschen wieder zusammenzubringen.

Andererseits bedeutet Integration für uns auch das Zusammenleben mit den Mehrheitsgesellschaften in den europäischen Staaten sowie der aktive Beitrag zum europäischen Einigungs- und Friedensprozess. Gerade die aktuelle Diskussion um Flüchtlinge aus Syrien, unter denen sich auch viele Kurden befinden, zeigt wie wichtig das Thema Integration für den Zusammenhalt unserer europäischen Gesellschaft ist. Ich finde, dass es auch sehr wichtig ist, dass wir bei dem Thema Integration erwähnen, dass wir nicht nur Kurden, sondern auch Deutsche, Engländer oder Franzosen sind. Schließlich sind wir teilweise hier geboren, besitzen fast alle diese Staatsbürgerschaften und fühlen uns Teil der hiesigen Gesellschaften in Europa.

2. Selbstbestimmungsrecht der Kurden

Die Forderung der Kurden nach Selbstbestimmung ist keine neue. Seit der Neuordnung der Region nach dem Ersten Weltkrieg fordern die Kurden eine Korrektur der Fehler der ehemaligen Kolonialmächte. Diese haben die Grenzen im Nahen Osten willkürlich gezogen, Kurdistan in vier Teile geteilt und das kurdische Volk einer brutalen Verfolgung und Unterdrückung ausgesetzt. Die repressive Politik gegen die Kurden setzt sich 100 Jahre nach dem Sykes-Picot Abkommen bis heute fort.

Hunderttausende Kurden in Irak sind der Anfal-Operation zum Opfer gefallen. Die Bilder von vergasten Frauen und Kindern in Halabja sind um die ganze Welt gegangen. In Iran wurde den Kurden der „heilige Krieg“, der Dschihad erklärt und bis heute werden nahezu täglich kurdische Aktivisten öffentlich hingerichtet. In Syrien wurden den Kurden grundlegende staatsbürgerliche Rechte aberkannt. Sie existierten offiziell nicht einmal. Wie die Türkei die etwa 20 Millionen Kurden behandelt, weiß mittlerweile die gesamte Welt. Nahezu täglich erreichen uns Horrornachrichten über Tote und Verletzte. Viele kurdische Städte wie Amed, Nisêbîn oder Cizîr wurden teilweise dem Erdboden gleichgemacht.

In allen Teilen Kurdistans befinden sich die Kurden im Krieg. Es vergeht kein Tag, an dem keine Toten oder Verletzten zu beklagen sind.

Trotz allem gibt das kurdische Volk nicht auf und kämpft entschlossen weiter für ein Leben in Frieden und Freiheit. Nicht zuletzt im erfolgreichen Kampf gegen die Terrormiliz „Daesh“ zeigten die Kurden in Irak und Syrien der Weltgemeinschaft, dass sie nicht nur für sich, sondern auch für universelle Ziele wie Demokratie, Minderheitenschutz sowie religiöse Freiheit kämpfen. Zum ersten Mal in der Geschichte kennt jeder die Kurden und bewundert sie für ihren Mut im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Die Kurden haben sich als zuverlässige Partner der zivilisierten Welt behauptet und im Namen der Menschlichkeit Opfer gebracht. Sie haben eine relative Stabilität in eine Region der Welt gebracht, die ansonsten nur Kriege und Konflikte kennt. Sie haben Millionen von Menschen Zuflucht gegeben ohne einen Unterschied zwischen Kurden, Turkmenen, Arabern, Schiiten, Sunniten, Eziden oder Christen zu machen. Die Kurden sind eine konstruktive und friedliche Kraft im Nahen Osten. Die Welt muss sie schon aus eigenem Interesse bei ihrem Kampf für Selbstbestimmung unterstützen. Ein kurdischer Staat im Norden des Irak, der seine ethnischen und religiösen Minderheiten schützt wird langfristig ein Stabilitätsanker für den Nahen Osten sein und andere Staaten in der Region inspirieren. Dasselbe gilt für die autonome und säkular organisierte kurdische Region im Norden Syriens. Eine unserer Hauptaufgaben als Kurdisch-Europäische Gesellschaft wird es sein, den Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit in Europa zu erklären, was die Kurden mit bescheidenen Mitteln erreicht haben und dass sie deshalb zurecht die natürlichen Partner Europas sind.

3. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Kurdistan

In der jüngeren Geschichte der Kurden hat sich ihr Kampf ausgezahlt. In Südkurdistan (Nordirak) genießen sie seit 2005 weitreichende Autonomierechte, die auch in der zentralirakischen Verfassung verankert wurden. Die Kurden in Rojavayê Kurdistanê (Norden Syriens) konnten in den Wirren des Krieges weite Teile im Norden des Landes unter ihre Kontrolle bringen, innerhalb kürzester Zeit staatliche Strukturen aufbauen und vor kurzem ihre Föderation innerhalb Syriens ausrufen. Überall dort, wo also die Kurden über Staatsgewalt verfügen, tragen sie auch Verantwortung. Es ist wichtig, dass demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien eingehalten werden. Vieles funktioniert bereits erstaunlich gut, aber oft fehlen noch das Know-How, die nötige Erfahrung und die finanziellen Möglichkeiten.

Wir als Kurdisch-Europäische Gesellschaft werden die kurdischen Autonomieregionen bei Themen wie Good Governance sowie Aufbau und Stärkung staatlicher Strukturen tatkräftig unterstützen. Nicht zuletzt durch unser weitgefächertes Netzwerk und unsere Kontakte zu nationalstaatlichen sowie europäischen Stellen können wir dazu beitragen, dass der Wissens- und Know-how Transfer von Europa in die kurdischen Regionen erfolgen kann.

Wir haben mit vier Vereinen begonnen, wollen aber noch weiterwachsen und weitere Vereine und Organisationen für unsere Ziele gewinnen. Deswegen freue ich mich auch sehr, dass Vertreter unterschiedlicher Vereine hier vertreten sind. Es ist wichtig, dass wir unsere Kräfte bündeln und eng zusammenarbeiten. Schließlich verfolgen wir ja auch dieselben Ziele.

Liebe Freunde,

was mich besonders freut und stolz macht ist, dass wir Kurden und Nichtkurden aus allen Teilen Kurdistans und Europas in unserer KES-Familie haben. Auch sogenannte „Biodeutsche“ gehören zu den Gründungsmitgliedern unseres Verbands. Eziden, Aleviten, Sunniten und Christen befinden sich unter uns und kämpfen für dieselben Ziele. Zwei Vereine werden von Männern und zwei von Frauen geführt. Allein, dass wir Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen für unsere KES-Familie gewinnen konnten, ist ein Erfolg, auf den wir alle stolz sein können. Wenn wir unser enormes Potential ausschöpfen, werden wir gemeinsam viele Erfolge feiern und weitere Menschen für unsere Ziele gewinnen. Unsere Türen sind für alle geöffnet, die unsere Werte und Ziele teilen.

Ich danke für die Aufmerksamkeit. Danke auch für Euer Kommen. Ich freue mich nun schon sehr auf das Abendprogramm mit Cicek Koc.