Am 2. und 3. August 2017 nahm eine Delegation der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft (KES) an der Gedenkveranstaltung des Zentralrats der Eziden in Deutschland anlässlich des dritten Jahrestags des Völkermordes an den Eziden am 3. August 2014 in Shingal (Irak) teil. Die Delegation setzte sich zusammen aus Kahraman Evsen, Zemfira Dlovani und Nabil Chaker. An der Veranstaltung nahmen zahlreiche Gäste aus Politik und Gesellschaft teil. KES setzt sich für die Rechte religiöser und ethnischer Minderheiten (insbesondere für die Rechte der Eziden)  in Kurdistan ein und macht sich für ein demokratisches, rechtstaatliches und unabhängiges Kurdistan stark.

Der Praesident von KES Kahraman Evsen hielt folgende Rede:

Sehr geehrter Herr Vorsitzender des Zentralrats der Eziden in Deutschland,
Lieber Irfan,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Verehrte Gäste,

im Namen der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft danke ich dem Zentralrat dafür, dass ich heute hier sein darf. Das schreckliche Ereignis am 3.8.2014 hat sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Einige Wochen bevor es passierte, war ich mit meiner Frau in der Region. Das erste Mal überhaupt. Wir wollten gemeinsam meine alte Heimat Kurdistan entdecken. Ich versicherte ihr, dass die Region sicher ist. Einige Wochen später erreichten uns dann die furchtbaren Bilder, die um die ganze Welt gingen.

Die Gotteskrieger des sogenannten Islamischen Staates hatten ezidische Dörfer und Städte überfallen. Sie vergewaltigten, entführten und ermordeten ezidische Mädchen und Frauen. Wir gedenken heute der Opfer dieses schrecklichen Genozids.

Noch heute fragen wir uns, wie das alles geschehen konnte. Binnen Tagen wurde die irakische Großstadt Mossul von den Terroristen eingenommen. Die irakischen Streitkräfte liefen davon. Tausende kurdischer Streitkräfte waren in Shingal zum Schutze der Eziden stationiert. Nach dem Vormarsch des IS zogen sie komplett ab. Sie überließen die Eziden ihrem Schicksal. Ergebnis war der 74. Genozid gegen die Eziden. Wie oft in der Geschichte waren die muslimischen Kurden mitverantwortlich für die Abschlachtung und Ermordung der Eziden.

Der 3.8.2014 hat das ohnehin schon brüchige Verhältnis vor eine Zerreißprobe gestellt. Viele Eziden fühlen sich wieder einmal verraten und eine wachsende Zahl unter ihnen will mit muslimischen Kurden nichts mehr zu tun haben. Ich kann diese Reaktion sehr gut verstehen. Wenn ich Opfer gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht anders reagiert.

Für mich und Millionen anderer muslimischer Kurden ist diese Ablehnung dennoch schmerzhaft. Wir sehen die Eziden und das Ezidentum als unabtrennbaren Teil unserer kurdischen Identität. Viele von uns sehen das Ezidentum als ihre Ursprungsreligion an.
An dieser Stelle bitte ich für das Unrecht meiner Vorfahren um Vergebung.

Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, uns bleibt aber noch die Zukunft. Ich hoffe von Herzen, dass unsere ezidischen Brüder und Schwestern eines Tages wieder vertrauen können. Dafür werden wir alles in unserer Macht tun.

Vor allem die Regierung der Autonomen Region Irakisch-Kurdistans hat den Eziden gegenüber eine Bringschuld. Der Abzug der Peschmerga am 3.8.2014 muss schonungslos aufgeklärt und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Die Regierung muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Eziden und weitere religiöse und ethnische Minderheiten in Kurdistan in Frieden und Sicherheit leben können.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass wir als Kurdisch-Europäische Gesellschaft das Unabhängigkeitsreferendum im September 2017 von Herzen unterstützen.

Die Geschichte hat gezeigt, dass nur ein kurdischer Staat den Menschen in Kurdistan dauerhaft Frieden und Sicherheit geben kann. Allerdings unterstützen wir einen kurdischen Staat nur unter der Bedingung, dass Kurdistan demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipen gerecht wird, seine Minderheiten schützt und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht. Einiges hat sich dort bereits getan, es gibt aber noch viel zu tun.

Herzlichen Dank.