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Wir durchleben aktuell eine schwierige Zeit in Deutschland, Europa und der Welt. Heutzutage kann man viele Dinge gar nicht mehr voneinander trennen. Das sieht man vor allem an der aktuellen Flüchtlingsdebatte. In Syrien wird seit Jahren ein Krieg geführt, der Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. Weil die Flüchtlingspolitik in der EU gescheitert ist, hat Deutschland unter der Führung von Angela Merkel mindestens eine Million Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen. Spätestens seit der Sylvester-Nacht 2015 in Köln, dem brutalen Mord an der Freiburger Studentin und dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt spüre ich deutlich, dass sich in Deutschland etwas verändert hat. Vorbehalte und Ressentiments gegen Muslime sind stärker geworden. Die Menschen sind verunsichert und vielen fällt es schwer, sich in einer komplexer werdenden Welt zurechtzufinden. Diese Stimmung wird sodann von rechten Gruppen genutzt, um ihre eigene fremdenfeindliche und rassistische Ideologie zu verbreiten.

Diese Entwicklung beunruhigt mich persönlich sehr. Ich bin selbst Muslim und komme aus einer konservativen Familie. Im September 1987 bin ich als Achtjähriger mit meiner Familie nach Deutschland eingereist und wir haben am Frankfurter Flughafen politisches Asyl beantragt. Als kurdische Familie haben wir Zuflucht gesucht, weil wir in unserer alten Heimat im Südosten der Türkei (Nordkurdistan) unsere kurdische Identität und Kultur nicht ausleben durften.

Außer einigen persönlichen Gegenständen hatten wir nichts dabei. Deutschland nahm uns bedingungslos auf und gab uns den Schutz, der uns in unserer alten Heimat verwehrt blieb. Ich ging dann in die Sprachschule, lernte Deutsch, machte die Mittlere Reife und schaffte es sogar, Abitur zu machen. Mit deutschen Geldern durfte ich an den besten Universitäten in Deutschland und Europa studieren, ohne dass der deutsche Staat eine konkrete Gegenleistung von mir forderte. Im Rahmen deutscher Gesetze durfte ich meine Religion ausleben und mich auch politisch betätigen. Deutsche Behörden haben mir diesbezüglich nie Schwierigkeiten bereitet.

Ich habe diesem Land nahezu alles zu verdanken. In keinem anderen Land der Welt habe ich mich so sicher und frei gefühlt wie in Deutschland. Trotz einiger Probleme ist dieses Land ein buntes und tolerantes Land. Ich wehre mich daher vehement gegen all die Personen und Organisation, die vermeintlich im Namen des Islam Anschläge verüben. Sie sprechen nicht in meinem Namen. Ich verurteile aber im selben Atemzug diejenigen Gruppierungen, die meine Religion pauschal als Grund für jedes gesellschaftliche Problem in Deutschland und Europa bezeichnen.

Deutschland ist meine Heimat. Ich habe keine andere und ich bin stolz auf die Errungenschaften in diesem Land. Ich weiß, dass es Millionen anderer Muslime in diesem Land gibt, die das genauso sehen. Ich hoffe sehr, dass sie sich jetzt auch stärker zu Wort melden, den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt öffentlich verurteilen und jeder Form von Extremismus in unserem Land entschieden entgegentreten. Wir lassen uns unser Land nicht von ein paar wenigen gewaltbereiten und ideologisch Verblendeten kaputtmachen.

 

Kahraman Evsen, Präsident der Kurdisch-Europäischen Gesellschaft